Geschenkte Zeit
Ich fahre mit meinem Auto durch eine Landschaft im Übergang vom Winter zum Frühling. Alles noch ziemlich farblos. Plötzlich sehe ich unter trauernden Bäumen ein großes Steinkreuz. Ich fahre vorbei – dann halte ich am nächsten Feldweg, fahre zurück und nehme mir einige Augenblicke Zeit, vor dem Kreuz zu stehen und mir Gedanken zu machen.
Vielleicht rührt mich das Kreuz mit dem sterbenden Jesus so an, weil ich erst vor kurzem meine Mutter betrauern musste. Ich sehe dem Jesus aus Stein in die Augen, und der eigene Schmerz macht sich bemerkbar.
Karwoche. Die Woche des Schmerzes. Vielleicht erinnern die vielen Wegkreuze, verstreut in der Landschaft, an den eigenen Schmerz. Stein gewordenes Memento Mori: Erinnere dich an die Toten. Erinnere dich daran, dass auch du eines Tages sterben wirst.
Wenn ich so vor diesem Kreuz stehe, dann merke ich, wie kostbar meine Lebenszeit ist. Ich grübele, für wieviel Belanglosigkeiten ich meine Sekunden und Minuten verschwende. Danke, Karwoche, Danke, ihr steinernen Zeugen vergangenen Leidens: Danke, dass ihr mich erinnert, wie wertvoll meine mir von Gott geschenkte Zeit ist.
Schuldekan Gunnar Kuderer




